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„Nehmen füllt die Hände. Geben füllt das Herz.“ 

(Margarete Seemann)

Hannah

Im September war ich für ein paar Tage für ein Coaching an der Nordsee. Krönender Abschluss dieser wundervollen Reise war eine Challenge, der sich jeder Teilnehmer stellen sollte. So hatte auch ich die Aufgabe, eine Blume an einen unbekannten Menschen zu verschenken. Einfach so, ohne Grund. Eine Challenge, die eigentlich ganz einfach klingt. Ich kaufe eine Blume, gehe ein bisschen durch die Stadt und übergebe mit einem freundlichen Lächeln, verbunden mit ein paar liebevollen Worten, eine Blume an einen fremden Menschen.

Klingt eigentlich ganz einfach und obwohl ich mich innerlich auf diese Erfahrung freute, meldete sich gleich mein Verstand zu Wort… „Wie sieht das denn aus, wenn du als Mann mit einer Blume in der Hand durch die Stadt läufst? Am besten noch mit einer roten Rose… Was sollen die Leute denken? Die halten mich doch für bescheuert.“

Das war der Moment, an dem ich genug gehört hatte und mir innerlich ein großes STOP-Schild vorhielt. Ich trat gedanklich ein Stück zurück und fing an, die Perspektive zu wechseln: „Diese Erfahrung wird mich zwar Überwindung kosten, aber dieser Moment, einem unbekannten Menschen eine kleine Freude zu bereiten ist bestimmt unvergesslich. Vielleicht ergibt sich daraus ein inspirierendes Gespräch mit einem tollen Menschen. Vielleicht wird dieser kleine Akt des selbstlosen und bedingungslosen Gebens, die Welt dieses Menschen nachhaltig zum Positiven verändern.“

Ich stellte mir gedanklich vor, dass ich diese Blume einem ganz bestimmten Menschen übergeben würde. Einem Menschen, dem diese Geste sehr viel bedeuten würde. Mit diesem schönen Gedanken betrat ich das Blumengeschäft und anders als die anderen Teilnehmer, wählte ich nicht eine Blume, sondern gleich einen ganzen Blumenstrauß. Innerlich verspürte ich den tiefen Wunsch, diesen Blumenstrauß an eine ältere Dame zu verschenken, die sich oft alleine fühlt und wenig Besuch bekommt.

Ich suchte im Internet nach der nächstgelegenen „Seniorenresidenz“ und fand nur eine einzige, wenige Kilometer von unserem Haus entfernt. Das passt, dachte ich und speicherte mir die Adresse im Handy ein. So langsam kamen wir dem Moment näher, an dem es hieß: „Auf geht´s. In zwei Stunden treffen wir uns hier wieder. Viele Freude bei dieser wundervollen Erfahrung!“

Ich stieg in mein Auto und merkte, wie mein Magen anfing, zu rumoren. Mein Herz klopfte wie wild und ich musste mir eingestehen, dass diese „einfache“ Aufgabe für mich eine große Herausforderung und Überwindung darstellte. Ich atmete einmal tief ein und aus, schloss die Augen und fokussierte mich auf die Freude, die diese Erfahrung mit sich bringen würde. Dann gab ich die Adresse in mein Navi ein und fuhr los.

Nach wenigen Minuten erreichte ich die Seniorenresidenz und hielt direkt gegenüber auf einem Parkplatz, von dem aus ich das Gebäude aus sicherer Entfernung betrachten konnte. Mittlerweile spürte ich einen Kloß im Hals und einen großen Knoten im Magen. Mein Herz raste. Ich musste mir eingestehen, dass diese Angst vor Ablehnung riesig war. Ich atmete einmal tief ein und aus und sagte mir: „Auf geht´s, du kannst noch so lange warten, wärmer wird das kalte Wasser nicht. Vertraue darauf, dass alles zu deinem Besten verlaufen wird.“

Und so überquerte ich entschlossen die Straße und ging auf direktem Wege zum Eingang. Ich öffnete die Tür und ging durch einen dunklen Flur, bis ich auf einen älteren Herrn traf. Ich fragte ihn nach dem Schwesternzimmer, woraufhin er ein paar schwer zu deutenden Worte von sich gab und energisch in die linke Richtung verwies. So folgte ich dem linken Flur und erwischte mich, mit jedem weiteren Schritt bei dem Gedanken „Philipp, worauf hast du dich da nur eingelassen…“

Der Flur erschien mir endlos lang und eine Schwester war weit und breit nicht in Sicht… Schließlich erreichte ich den Speisesaal. Ich schaute mich um und der Anblick schwer kranker, hilfsbedürftiger und winselnder Menschen in Ihren Rollstühlen war im ersten Moment schockierend und auch überwältigend für mich. Ich atmete tief ein und versuchte vergeblich eine Schwester zwischen diesen vielen pflegebedürftigen Menschen zu finden, als ich hinter mir die Frage hörte: „Entschuldigung, kann ich Ihnen helfen?“ Dankbar und erleichtert drehte ich mich um und erzählte der Schwester von meinem Anliegen.

Die Schwester war total perplex, als ich nach einer älteren Dame fragte, die nur selten Besuch bekommt und sich über einen Blumenstrauß und ein wenig Gesellschaft freuen würde. Sie stammelte ein „Das ist ja toll, ich weiß gar nicht was ich sagen soll, so was hatten wir hier noch nie.“ Die Pflegerin bat mich einen Moment zu warten und rief eine Kollegin zu sich, die ebenfalls total überrascht und begeistert war.

Die beiden berieten sich, welche Dame am besten dafür in Frage kommen würde. „Was ist denn mit Gertrud?“ schlug die eine Schwester vor, woraufhin die andere entsetzt entgegnete „Nein, nicht Gertrud, also die nun wirklich nicht.“ Ich musste schmunzeln, denn so ging das eine ganze Weile weiter, bis schließlich eine ältere Dame mit Ihrem Rollator darum bat, an uns vorbei gehen zu dürfen. Die beiden Schwestern sahen sich an und sagten wie im Chor: „Hannah, das ist es.“

Die Schwester verkündete Hannah voller Freude: „Hannah, Besuch für dich! Schau mal der junge Mann ist extra für dich gekommen und hat dir sogar einen Strauß Blumen mitgebracht. Ist das nicht toll?“ Hannah schaute mich entgeistert und irritiert an und musterte mich. Ich lächelte sie mit meinem Blumenstrauß in der Hand an, wollte gerade meinen, vorher sauber zurecht gelegten, Text abspulen, als Hannah der Schwester ein trockenes und beherztes „Ne, ich hab´ keine Zeit!“ entgegnete.

Das saß, dachte ich und konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Für mich stand in dem Moment fest – Eine Frau, die sogar im Altenheim keine Zeit hat und zugleich nicht auf dem Mund gefallen ist, treffe ich so schnell bestimmt nicht wieder. Die nehme ich. Einfach kann ja jeder.

Hannah sträubte sich zunächst ein wenig und wurde von den Schwestern mehr oder weniger zu ihrem Glück gezwungen und regelrecht zu einem Tisch im Speisesaal „befördert“. Um ehrlich zu sein, tat sie mir in dem Moment schon ein bisschen Leid, aber innerlich wusste ich einfach, dass diese Begegnung gut werden würde.

Nun saßen wir da, an einem Tisch, mitten drin, zwischen all diesen hochbetagten Menschen, von denen Hannah mit Abstand die Fitteste war. Die Schwester brachte uns eine Tasse Kaffee, setzte sich an den Tisch links neben mir und begann einen alten Herrn mit einer Spritze zu füttern. Es war beeindruckend und berührend zugleich für mich zu sehen, mit welcher Hingabe sich die Schwester um diesen Mann kümmerte. Ich versuchte das Leid um mich herum, auch wenn es nicht spurlos an mir vorbeiging, für den Moment auszublenden. Ich nahm einen Schluck Kaffee zu mir und richtete von nun an meine volle Aufmerksamkeit auf den Moment mit Hannah.

Ich begann das Gespräch mit einem lockeren „Small-Talk-Aufmacher“, um das Eis zu brechen: „Hannah, erzähl doch mal, wie geht´s dir hier?“ „Ach, ich bin zufrieden, mir geht’s´ gut und das ist die Hauptsache“ entgegnete sie mir lächelnd. „Verstehst Du dich gut hier mit deinen Mitbewohnern?“ wollte ich wissen. Hannah schaute mich einen Moment lang an und konterte gleich mal mit einer trocken hervorgebrachten Gegenfrage: „Hast du dich hier im Raum mal umgeschaut?“ Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen und blickte in überwiegend ausdrucksarme, leere Gesichter von alten Menschen, die geistig nicht mehr viel wahrzunehmen schienen.

Ein Moment, in dem mir noch einmal auf beeindruckende Weise vor Augen geführt wurde, wie wertvoll und begrenzt unsere Lebenszeit auf diesem Planeten ist. Ich wandte mich wieder Hannah zu und wollte gerade antworten, als sie noch einen drauflegte und lachend hinzufügte „Die raffen doch nichts mehr hier.“ Wunderbar dachte ich, der Gesprächseinstieg hätte nicht viel besser laufen können…

Ich fand ein paar aufmunternde Worte für Hannah und legte den Fokus des Gespräches lieber auf ihr Leben vor dem Altenheim. Hannah hatte ihr Leben lang an der See gelebt und ist in einer großen Familie mit zehn Geschwistern aufgewachsen. Sie erzählte mir mit einem großen Strahlen, dass sie früher sehr gerne und viel tanzen war und dass Sie es im Winter liebte, Schlittschuh zu fahren. Ich spürte, dass sie durch das Schwelgen in positiven Erinnerungen, für einen Moment ihren tristen und eintönigen Alltag im Altenheim ausblenden konnte. Sie blühte förmlich auf. Der Galgenhumor, zum Anfang unseres Gesprächs, war vollkommen verflogen.

Heute verbringt Hannah ihre Zeit größtenteils vor dem Fernseher, liebt es aber draußen an der frischen Luft, mit ihrem Rollator spazieren zu gehen. Beim Thema Spazierengehen horchte die Schwester links neben mir auf, hob mahnend den Finger und sagte: „Hannah, aber du weißt ja, nur auf dem Gelände bleiben!“ „Jaja“ entgegnete Hannah mit einem süffisanten Lächeln und zwinkerte mir verstohlen zu. Wir konnten uns beide ein Lachen nicht verkneifen.

Wir plauderten noch einige Zeit weiter und zum Ende unseres Gespräches brannte mir noch eine Frage unter den Nägeln: „Hannah, du hast fast dreimal so viel Lebenserfahrung wie ich. Was würdest Du mir, bei all deiner Lebenserfahrung, die du im Laufe der Jahre gesammelt hast, für einen Rat geben wollen? “ Hannah guckte mich entgeistert an und entgegnete „Ich soll dir einen Rat geben? Das kann ich nicht, ich weiß nun wirklich nichts! Ich bin wunschlos glücklich.“

Ohne es bewusst zu merken, hatte mir Hannah mit ihrem, beiläufig hinterhergeschobenen letzten Satz, eine wundervolle Antwort auf meine Frage gegeben, die mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Vier Worte, die den Sinn des Lebens auf den Punkt bringen. Das Leben an sich, als das größte Geschenk zu sehen. Sich in jedem Augenblick voller Dankbarkeit bewusst zu machen, wie schön das Leben sein kann, indem wir uns auf das fokussieren, was wir schon haben und nicht auf das, was uns noch zum Glücklichsein „fehlt“.

Wir entscheiden in jedem Moment neu, ob wir, unabhängig von unseren äußeren Umständen, ein glückliches oder ein unglückliches Leben führen. Diese Antwort war der krönende Abschluss unserer Begegnung und so bedankte ich mich bei Hannah für dieses schöne Gespräch und wünschte ihr alles Liebe. Sie versicherte mir zum Abschied, dass mein Blumenstrauß einen schönen Platz in ihrem Zimmer bekommen sollte und bedankte sich mit einem großen Lächeln für meinen Besuch.

Diese Begegnung mit Hannah war für mich in vielerlei Hinsicht so unglaublich wertvoll. Nie habe ich den Satz von Anne Frank „Es ist noch nie jemand vom Geben arm geworden.“ so sehr verstanden und verinnerlicht, wie an diesem Nachmittag. Eine kleine Geste, die mich zu Beginn sehr viel Überwindung gekostet hat, aber für alle Beteiligten eine so große, wertvolle und nachhaltige Wirkung hatte. Voller Dankbarkeit für diese Erfahrung fuhr ich mit meinem Auto zurück zum vereinbarten Treffpunkt. Mein Herz raste immer noch. Aber diesmal nicht vor Angst oder Aufregung, sondern vor Freude.

Herz on!

Ich bin Philipp, 31 Jahre alt und unterwegs auf einer faszinierenden Entdeckungsreise zu mir selbst, beginnend bei den Begrenzungen meines Verstandes, hin zur Weite und Freiheit meines Herzens. Ich möchte Dich daran erinnern, dass der Schlüssel für ein glückliches Leben niemals im Außen zu finden ist, sondern nur in der Tiefe Deines Herzens. Join the movement – Herz on!

MEINE KURZE VITA

  • Visionär, Coach aus Osnabrück
  • 2011-2014: BWL-Studium
  • Seit 2014: Berufliche Tätigkeit als Einkäufer
  • 2020-2021: Systemisches Coaching – Zertifizierter Lehrgang von Dr. Klaus Peter Horn.
  • Verbindung professioneller, systemischer Coachingmethoden mit Bewusstheit, Meditation und Spiritualität
  • 2021: Connecting Healing Ausbildung zum Spirituellen Begleiter und Energiearbeiter nach Dr. Marc Stollreiter
  • Ganzheitliche systemisch-energetische Heilungsmethode

Life-Coaching

Du bist auf der Suche nach dir selbst? Du hast im Laufe der Zeit verlernt, deinem Herzen zu folgen und brauchst ein bisschen Unterstützung? Oder stehst Du im Leben gerade vor einer entscheidenden Weggabelung und weißt nicht weiter? Ich helfe Dir gerne im persönlichen Coaching weiter.

Generation Young & Happy

Du bist Schüler, Student, Azubi oder Berufseinsteiger? Du weißt, wie Du ein Gedicht in vier Fremdsprachen analysierst, hast aber noch keinen Lösungsansatz für ein glückliches und erfolgreiches Leben? Glücklich und erfolgreich sein kann man lernen.